JESPER JUUL


Jesper Juul

(1948-2019)

»Gleichwürdigkeit ist die einzige Alternative zum überkommenen patriarchalischen Familienmodell mit seinen klaren Hierarchien: der Mann und Vater an der Spitze, danach die Frau und Mutter, schließlich die Kinder.«

Ein Zitat von Jesper Juul, einem der wichtigsten Familientherapeuten Europas. Der 1948 geborene Jesper Juul durchlebte selbst keine sehr glückliche Kindheit. Einsam sei sie gewesen, schreibt er in seiner Biografie. Die Mutter besitzergreifend, der Vater wird mit den Worten zitiert: „Bringt ihn fort, er stört.“ .


So flüchtete er nach der Realschule erst einmal von zu Hause, fuhr für eine dänische Reederei als Bedienung und Küchenhilfe zur See, arbeitete anschließend auf dem Bau, dann als Tellerwäscher und Barkeeper. 1966 schrieb er sich an der Universität ein, studierte zunächst Geschichte und Religion und arbeitete anschließend als Lehrer und Sozialpädagoge. Wohlgemerkt: Die Gesellschaft war damals eine ganz andere. Ein Bewusstsein für Fragen der Erziehung, bzw. Erziehungsstile zum Beispiel gab es nicht. Juul macht damals deshalb einfach das, was er für richtig hielt: Gleichwürdig mit den Menschen und Kindern über das Leben sprechen. Und mit „gleichwürdig“ meint er, dass alle Äußerungen von Kindern – verbale, nonverbale, emotionale – ebenso ernst genommen werden, wie die der Erwachsenen, und wir von den Kindern lernen können. Wir sind alle Menschen ‚gleicher Würde‘. Das steht schon in unserem Grundgesetz so. Wenn eine Beziehung nicht stimme, so Jesper Juul, dann liege es oft daran, dass der würdevolle Umgang miteinander fehle – in der Paarbeziehung, erst recht aber in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern.

Immer häufiger kam Jesper Juul mit konfliktbetroffenen Familien und Kindern zusammen, und schließlich begann er, sich für die Familientherapie zu interessieren. Neun weitere Jahre arbeitet er mit Gruppen alleinerziehender Mütter und bildete sich in Dänemark, den Niederlanden und den USA als Familientherapeut weiter.

1979 gründete er gemeinsam mit dem amerikanischen Familientherapeuten Walter Kempler, dem Chefarzt der Kinderpsychiatrie Ålborg, Mogens Lund, und dessen Leitender Sozialarbeiterin Lis Keiser, das renommierte »Kempler Institute of Scandinavia«, aus dem später das in Berlin sitzende „ddif“, das Deutsch-Dänische Institut für Familientherapie und Beratung, hervorgegangen ist und in dem vor allem der Ansatz der „Erlebnisorientierten Familientherapie“ verfolgt wird.

2004 schließlich gründete er sein Eltern-Beratungszentrum »FamilyLab International«, von dem es heute Ableger überall in Europa gibt.

Insgesamt schrieb er mehr als 30 Bücher über Familien und ihre Kinder. Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung in seinem Haus in Odder, Dänemark.

Die vier Werte von Jesper Juul


Gleichwürdigkeit bedeutet, nach der Haltung zu leben, dass alle Menschen, egal welchen Alters und Herkunft von gleichem Wert sind, und man ihnen mit Respekt gegenüber der persönlichen Würde und Integrität gegenüber tritt. In einer gleichwürdigen Beziehung werden Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider Partner gleich ernst genommen, und nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht, Alter oder Behinderung abgetan oder ignoriert. Gleichwürdigkeit wird damit dem fundamentalen Bedürfnis aller Menschen gerecht, gesehen, gehört und als Individuum ernst genommen zu werden.« (Jesper Juul, ‚Was Familien trägt', S. 24, Kösel-Verlag 2006)

Gleichwürdigkeit bedeutet jedoch auf keinen Fall, dass die Führungsrolle zwischen Eltern und Kindern aufgeteilt wird. Die Verantwortung bleibt bei den Eltern. Das Prinzip der Gleichwürdigkeit verlangt allerdings eine gedankliche Umstellung. So lassen beispielsweise Strafen das Kind an seinem Wert zweifeln, aber auch Belohnungen sind nicht gut, weil dabei oft die persönliche Auseinandersetzung mit dem Kind fehlt.

Die Integrität jedes Menschen, und vor allem unserer Kinder zu wahren ist wichtig. Integrität ist, laut Jesper Juul, ein Sammelbegriff „für die psychische und physische Existenz des Kindes; also für seine Selbstständigkeit, Grenzen, Unverletzbarkeit, Eigenart, und die Ich-Identität.“ Das Problem: diese Integrität wird im Alltag immer wieder, und sehr oft von Erwachsenen verletzt.

Nach Jesper Juul ist eine familiäre Gemeinschaft umso stärker, je stärker sich der Einzelne als Individuum erlebt und als Individuum leben kann. Wenn ein Kind andauernd entgegen seiner wahren Bedürfnisse kooperieren muss, kann dies langfristig zu selbstzerstörerischem Verhalten führen. Oder, im schlimmsten Fall, stellt es die Kooperation mit den einzelnen Mitgliedern der Familie ganz ein und wird „schwierig“.

Statt dem Kind Grenzen zu setzen, wäre es besser, wenn Eltern ihre eigenen Grenzen aufzeigen. Beispiel: Statt vom Kind allgemein zu fordern „Mach die Musik leiser!“, und allgemein mit Strafe zu drohen, wäre es sinnvoller zu sagen: „Mir ist die Musik zu laut, stelle sie bitte leiser.“

Wenn wir etwas sehr gut machen wollen, neigen wir mitunter dazu, ein Schauspieler zu werden und die Rolle zu spielen, die wir gerade für gut halten. Kinder merken jedoch, wenn wir in dem was wir sagen und wie wir uns verhalten nicht wahrhaftig sind

Das muss nicht sein. Lasst uns den Kindern ehrlich gegenübertreten und ihnen zeigen, was uns gefällt und was nicht. So lernen Kinder die Botschaft, dass es in Ordnung ist, so zu sein, wie man ist. Kinder lernen durch Nachahmung und Imitation.

Verantwortung bedeutet für Jesper Juul, dass die Eltern für die Qualität der Beziehungen in der Familie verantwortlich sind, nicht das Kind. Manche Eltern beschweren sich, dass ihre Kinder die Familie wie ein Hotel benutzen, sie wünschen sich, dass das Kind mehr Aufgaben und Pflichten übernimmt. Kinder sollen, so Jesper Juul, lernen, das es von Bedeutung ist, wenn sie einen Einsatz in ihrer Familiengemeinschaft leisten. Schon kleine Kinder freuen sich, wenn sie einen Beitrag leisten, der einen konkreten Sinn und Nutzen für die Familie hat.

Hilfe aus reiner Pflicht heraus („Du bringst jeden Tag den Mülleimer heraus!“) wird von Kindern als wenig sinnbringend erlebt. Kinder sollen im Laufe ihres Lebens lernen, dass Liebe nicht nur Nehmen bedeutet, sondern auch Geben. Wenn Eltern ihre Liebe und Fürsorge ausdrücken, indem sie alle im Haushalt anfallenden Aufgaben für das Kind erledigen, so wird es nicht in seine Aufgaben hineinfinden. Wer die Kinder an die Übernahme von Aufgaben heranführt, muss andere Wege finden, seine Liebe und Fürsorge auszudrücken.